Dienstag, 9. September 2014

Eine weitere Linie

Laufen, ohne an ein Ziel zu kommen. 
Gucken, ohne irgendetwas zu sehen. 
Zuhören, ohne irgendetwas zu verstehen. 
Körperlich anwesend, ohne wirklich da zu sein. 
Gefangen tief im Inneren. Mit den Gedanken als Wächter. 
Unbewusst wandert eine Hand zu einer Stelle. 
Ein Gegenstand. 
Klein. Dünn. Leicht. Scharf. Kalt. 
Die Hand umfasst ihn, setzt ihn an und zieht eine glatte Linie. 
Nichts. Etwas Kaltes, Nasses tropft auf den Boden. 
Eine weitere Linie. 
Die Wächter werden unruhig. Sie kreisen um das Gefängnis. 
Eine weitere Linie. 
Die ersten Löcher. Etwas helles, wird wahrgenommen. 
Eine weitere Linie. 
Ein kleines Geräusch. Die Gedanken werden schneller. Bilder. Worte. Eng aneinander. 
Eine weitere Linie. 
Ein Stuhl. Fliesen. Fenster. Licht. 
Eine weitere Linie. 
Ein stechender Schmerz. Tränen. Alles ist weg. Das Gefängnis. Die Wächter. 
Der Schmerz. Die Tränen. Die Narben. Sie bleiben. 
Ich breche durch die Oberfläche. 
Meine Hand. Sie zittert. Der Gegenstand. Eine Rasierklinge.
Ich lasse sie fallen. 
Ein leises, kaum hörbares "Pling", als sie den Boden berührt.
Ich warte, bis kein Blut mehr aus den Wunden fließt.
Nehme ein Tuch. Wische die Flecken weg. Ziehe den Ärmel darüber.
Meine Hand ist auf der Türklinke. 
Ein kurzes Zögern. Ich wische die Tränen weg. 
Mit einem zarten Lächeln auf den Lippen gehe ich hinaus. 
Für eine weitere Vorstellung.
Ich. 
In der Rolle der perfekten Tochter.
Mein Geheimnis. In meinem Inneren verwahrt.
Niemand wird es je erfahren.

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